Die Frische Frauke (1) Lammfromm

LAMMFROMM

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch des Frühlings. Die Sonne hatte auf den Schreibtisch der Rechtsmedizin geschienen. Dann war Fraukes Faust auf die Tischplatte herabgefahren.

„Ende im Gelände. Ich kündige.“

Dr. Brömmelmanns Züge entglitten seiner Kontrolle. Mehr als ein hilfloses „Also“, hatte er nicht hervorgebracht.

Frauke hatte den 12-Stunden-Tag in der Rechtsmedizin ebenso hinter sich gelassen, wie die Begleitmusik einer sehr großen Großstadt. Nur drei Monate später hatte sie erstmals am Steuer ihres Sprinters gesessen und war in den schleswig-holsteinischen Sonnenuntergang gefahren. Die Westküste hatte Hunger.

Inzwischen ist die Frische Frauke zum Synonym für den Transport norddeutscher Köstlichkeiten geworden. Dass sie immer wieder in knifflige Kriminalfälle hineinschlittert, empfindet sie als Würze auf dem Menü ihres Lebens.

(1) Lammfromm

Frauke drehte die Lammrunde. So nannte sie ihre Tour auf der sie zartes Deichlamm holte und brachte, Rosmarin, Thymian, Salbei, aber auch Zimt und Kurkuma für orientalische Lamm-Variationen in bester Qualität lieferte. Sie war das Bindeglied zwischen Lammzüchtern, Landschlachtereien, Gewürzhändlern und Köchen, die den Norden immer öfter auch zum Ziel anspruchsvoller Genießer werden ließen. Sie passierte das Ortsausgangsschild von Wobbenbüll und folgte der Pohnshalligkoogstraße Richtung Nordstrand. Schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen teilte der Damm die Salzwiesen. Aus den Boxen erklang der Soundtrack zu „Road to perdition“. Frauke grinste und hoffte, dass der Titel kein schlechtes Omen sein würde. Wer war schon gern auf der Straße ins Verderben unterwegs?! Frauke erreichte die „Sieben Flaggen“. Sie hatte gelernt, dass die Skulptur die sieben Köge von Nordstrand repräsentierte. Als Zugezogene erfuhr sie beinahe täglich etwas Neues über das schönste Bundesland der Welt.

Früher Morgen. Als Frauke ausstieg, warf sie einen langen Schatten auf den Hof der Schäferei. Die Sonne wärmend im Rücken, ging sie hinüber zum Wohnhaus. Insgeheim hoffte sie auf einen Kaffee. Die letzte Nacht war kurz gewesen. Vorbei am Hofladen. Niemand zu sehen. Es war noch früh. Die Stufen hinauf. Frauke spürte, dass sie nicht in Form war. Es striff sie ein Gedanke: mehr Sport. Und gleich noch einer: Ich nehme am Lauf zwischen den Meeren teil. Jedoch –  noch im selben Augenblick ergriff sie die Erkenntnis, dass sie den Kampf gegen den inneren Schweinehund verlieren würde. Erneut verlieren würde. Ihr Fleisch war schwach. Es war still. Ungewöhnlich still. Kaum Wind. Kein Hund, der bellte, keine Türen, die schlugen. Frauke drückte den Klingelknopf. Wartete so lange, wie es dauerte, bis die Möwe über sie hinweg geglitten war. Sie drückte ein weiteres Mal auf den abgegriffenen Messingknopf und hörte, dass im Inneren des Hauses ein Gong ertönte. Frauke klopfte. Keine Reaktion. Stirn gerunzelt, Lippen geschürzt. Sie dachte nach, ging hinten rum, zurück auf den Platz, spähte durch die Fenster des Hofladens, beschirmte ihre Augen vor der flach stehenden Sonne mit einer Hand. Es roch aber auch nirgends nach Kaffee. Sie zückte ihr Handy, wählte die Mobilnummer der Chefin, hinterließ eine Nachricht. In Sankt Peter-Ording wartete der Koch auf Lamm. Frauke beschloss, später wiederzukommen. Sie hatte weitere Lieferanten auf ihrer Tour. Vielleicht doch noch kurz rauf auf den Deich. Ausschau halten. Oben angelangt. Weite, Watt und Wiesen. Schafe gleich am Fuß des Walls, ein Auto auf dem Damm Richtung Festland. Ein Transporter, dessen hellblaue Lackierung passend zum Himmel gewählt war. Der Transporter, schon so weit entfernt, dass Frauke ihn nicht mehr hören konnte.

Noch ein Schulterblick, dann stieg Frauke runter vom Deich und ein in ihren Sprinter, den ein Künstler aus Eckernförde nach Fraukes Entwurf bemalt hatte. Arcimboldos Porträts hatten Frauke schon als Schülerin beeindruckt. Jetzt zierte ihr eigens Konterfei nach Art Arcimboldo den vormals schlicht weißen Sprinter. Und T-Shirts hatte sie sich auch machen lassen. Corporate Design, hatte ihr ein Freund aus der Werbebranche gesagt, sei unerlässlich. Sie aber war froh gewesen, dem einheitlichen Design der Klinikkluft entkommen zu sein und hatte abgewinkt, bis ihr die Idee mit Arcimboldo gekommen war. Vielleicht würde sie sich bei Gelegenheit ihre Bettwäsche entsprechend bedrucken lassen. Husum kam in Sicht. Kurz hinter dem alten Bahnhof hielt sie sich links. Sönke hatte Gewürze geordert, gepökeltes Lamm-Mett würde sie mitnehmen. Vor der Einfahrt stand wie üblich die graue Bank mit dem Geöffnet-Schild. Frauke parkte gegenüber an der Bahnlinie, Ennio Morricone im Ohr, schlenderte sie auf den Hof, fühlte sich, durch die Western-Musik animiert, ein bisschen wie ein Cowboy, obwohl sie heute doch gewissermaßen im Auftrag des Lamms unterwegs war. Ob es wohl auch lambboys gab? Schwungvoll zog sie an der Tür und der Schmerz fuhr ihr ins Schultergelenk. Die Tür war verschlossen. Durch die Scheibe starren, an Déjà-vu denken, ungläubig den Kopf schütteln. Auf dem Herd ein Kessel, aus dem Dampf aufstieg. Teewasser. Wo waren denn heute alle? Frauke klopfte, rief, ging nach vorn. Langsam wurde sie wütend. Glaubten die, sie führe hier zum Spaß durch die Gegend? Sie lachte in sich hinein. Sie hätten ja recht. Zum Spaß, ja klar. Darum war sie tatsächlich hier. Aber Termine mussten ihre Kunden trotzdem einhalten. Wieder durch die hallige Einfahrt. „Moin. Hoch mit euch, ihr Schlafmützen“, rief Frauke so laut sie konnte. Die Putzfrau öffnete die Ladentür, entschuldigte sich wortreich und sagte, dass auch sie nicht wisse, wo die alle seien. Sie habe in der Küche zu tun und den Kessel hätte sie nicht aufgesetzt. Wirklich nicht. „Der kochte vorhin noch nicht.“

„Wie lange bist du denn schon in der Küche?“

„Seit über einer Stunde. Ich habe Sönke begrüßt und dann …“ Sie deutete Richtung Küche. „Ich weiß nicht, wo er hin ist und ich habe keine Ahnung, warum er von außen abgeschlossen hat.“

„Hast du denn nichts gehört?“

„Kopfhörer. Santiano. Sorry.“ Die Putzfrau hob entschuldigend die Schultern.

Frauke ließ sie für die Gewürze unterschreiben und unterschrieb ihrerseits für das Lamm-Mett.

Dann jenseits von Witzwort, Oldenswort voraus. Gegenüber von St. Pankratius wurde geschlachtet.  Und die ganze Familie war an Bord. Nur heute nicht.  Alle Türen verriegelt und verrammelt. Aber hinten, aus der Küche plärrte ein Radio. Stau auf der A 7 zwischen Neumünster-Süd und Neumünster-Nord. Ach nee!? Frauke kratzte sich am Kopf. Ob sie sich im Datum vertan hatte, ob die Gilde der Lammzüchter und -schlachter einen Betriebsausflug machte? Der Transporter der Schlachterei stand vor der Tür. Als Frauke die Hand an die Motorhaube legte wurde ihr klar, dass Mysteriöses vorging. Mit dem Auto war noch vor ein paar Minuten jemand gefahren. Nicht, dass am Ende Außerirdische dahintersteckten.

Zurück im Auto. Frauke schaltete die Zündung ein und die Filmmusik zu Cinema Paradiso versetzte sie schlagartig in eine bitter-süße, beinahe sentimentale Stimmung. Wahrscheinlich gab es eine ganz einfache Erklärung. Würde sie eben später nochmal wiederkommen. Jetzt noch den Käse in Tetenbüll abholen und dann würde sie in Sankt Peter-Ording viel und starken Kaffee trinken. Allein, es sollte anders kommen. 20 oder 30 Grundschüler rannten auf der Zufahrt zur Käserei herum, kletterten über den weißen Zaun, warfen Steinchen in den Wassergraben, der den Hof umschloss. Vor dem Hofladen standen zwei Frauen in Fraukes Alter, wirkten ratlos.

Was denn los sei, fragte Frauke.

„Wir  haben eine Führung vereinbart, aber es scheint niemand da zu sein“, antwortete die große Blonde. „Wir sind ganz rum, haben gerufen und auch versucht, die beiden auf dem Handy zu erreichen.“

Der Gedanke mit den Außerirdischen kam Frauke inzwischen gar nicht mehr so abwegig vor. Sie rief die Polizei an und berichtete, dass sie auf Nordstrand, in Husum, in Oldenswort und nun auch in Tetenbüll trotz fester Termine auf verlassene Betriebe gestoßen sei.

„Wir schicken eine Streife“, versprach der Wachhabende. Die Kinder lärmten und Frauke fuhr unverrichteter Dinge weiter. Immerhin würde sie das Lamm-Mett liefern können.

In St. Peter, dort, wo die Straßen gepflastert, der Kirchturm aus Holz und der Stammtisch noch einen festen Platz im Leben der Menschen hat, parkte Frauke ihr rollendes Kunstwerk vor der friesenblauen Tür des Gasthofes. Hier war die Welt auch nicht immer in Ordnung, aber man arbeitete daran. Frauke ging hinten rum, wollte ihre kleine Lieferung gleich in die Küche bringen. Um dem Küchenchef zu zeigen, welche heimischen Kräuter sie empfahl, hatte sie ihren Sammelkorb über den Unterarm gehängt. Doch weit kam sie nicht. An der Hausecke erwartete sie ein Maskierter mit vorgehaltener Pistole.

„Schnauze“, herrschte sie der Maskierte an.

„Ich hab´ doch noch gar nichts gesagt“, erwiderte Frauke.

„Los, rein da.“ Der Maskierte drückte ihr die Pistole in den Rücken und schob sie in die Küche. Und dort saßen sie, geknebelt und mit auf dem Rücken gefesselten Händen, ihre Kunden, die sie heute nicht angetroffen hatte.

„Hier seid ihr alle“, platzte Frauke heraus. Probt ihr ein Krimi-Dinner, oder was soll das Theater?“

„Schnauze“, meldete sich der Maskierte nun wieder.

Frauke gefiel das nicht. „Ihre Manieren, junger Freund. Daran müssen Sie aber noch arbeiten“, ermahnte sie den Mann mit der albernen Maske. „Was soll das überhaupt sein? Diese Maske. Der Froschkönig, oder was?“

Die Gefesselten machten „hm und ohhmmoo hhh.“ Differenziertere Laute ließen die Knebel offenbar nicht zu. Der Maskierte drängte Frauke aus der Küche hinaus, in die Gaststube zum Wirt, der am Stammtisch saß. Kein Knebel, aber auch seine Hände auf dem Rücken gefesselt. Ihm gegenüber eine zweite Maske. Der Gestalt nach, eine Frau. Der Maske nach Gandhi. Frauke empfand das als anmaßend und sagte das auch.

Der Froschkönig sagte: „Schnauze“.

„Wer sind Sie, was wollen Sie hier?, fragte Gandhi.

„Ich bin die Frische Frauke und bringe nicht nur Rauke.“ Frauke präsentierte ihren Sammelkorb mit lauter Grün aus Mutter Schleswig-Holsteins Natur.

„Kein Fleisch?“

Frauke spürte, wie Intuition Besitz von ihrem Denken und Handeln ergriff.

„Kein Fleisch.“

„Vegetarierin?“

Frauke nickte.

„Kannst du kochen?“

Frauke nickte erneut.

„Gut, dann machst du die Beilagen.“

„Beilagen, wozu?“

„Zur Lammkönigin.“

„Zur Lammkönigin?“

„Wir sind das Kommando Friss dich selbst und statuieren ein Exempel. Wer Fleisch isst, muss bereit sein, sein eigen Fleisch zu opfern. Und die Lammkönigin wird mit gutem Beispiel vorangehen.“

Frauke brachte ihre morgendlichen Erfahrungen, den Aufzug der Kidnapper und das Statement der Kommandeuse in Einklang. Der Schluss lag auf der Hand: Gandhi und Froschkönig waren nicht ganz dicht. Das kannte sie von früher aus der Klinik. Bevor sie sich den Toten in der Rechtsmedizin gewidmet hatte, waren die Irren in der Psychiatrie ihre Kunden gewesen. Sie musste Zeit gewinnen.

„Das ist ungerecht“, wandte Frauke ein. Im Stall entscheidet auch der Zufall.“

„Schnauze“, sagte Froschkönig.

“Selber Schnauze“, wies Gandhi ihren Adjudanten in die Schranken und rieb sich unter der Maske das Doppelkinn. „Also gut. Das Los soll entscheiden. Wer das kurze Streichholz zieht, wird fachgerecht geschlachtet und landet morgen Mittag als Filettopf, als Braten, Kotelett oder sonstwie schmackhaft zubereitet auf diesem Tisch.“ Sie schlug auf den Tisch, den Stammtisch. Ihr Adjudant riss sich die Maske runter, wechselte die Gesichtsfarbe, würgte, rannte, erreichte die Theke und erbrach sich in der Spüle.

„Pussy“, sagte Frauke. Gandhi nickte.

„Und du machst mal was Schönes mit Kräutern und so.“ Gandhi zeigte auf Fraukes Korb. Frauke stand auf. „Bisschen was zum auf den Geschmack kommen?“, schlug sie vor. Gandhi nickte. Frauke ging Richtung Küche. Froschkönig wischte sich den Mund ab, zog die Pistole aus dem Hosenbund und folgte.

„Schaff die Leute hier raus. Wenn ich koche, brauche ich Ruhe“, wies Frauke Froschkönig an. Der tat wie ihm geheißen und brachte die Geiseln in den Gastraum. Die Lammkönigin schluchzte. Vielleicht hatte sie eine Ahnung.

Frauke durchsuchte Hirn und Korb nach einer rettenden Idee, besser noch, nach einem Plan und wurde fündig. Sie hatte am frühen Morgen den Spitzkegeligen Kahlkopf auf einer Weide entdeckt und gleich eingesammelt. Der psilocybinhaltige Pilz war beliebt unter all jenen, die es nach einem psychedelischen Rausch verlangte, LSD aber nicht vertrugen. Frauke hatte eigentlich geplant, sie einem Koch zu überlassen, der gern experimentierte. Nun würde sie selber experimentieren und Gandhi und Froschkönig wären die Versuchskaninchen. Sie hoffte auf einen anständigen „Allessoschönbunthier-Effekt“ und stimmte „Lucy in the sky with diamonds“ von den Beatles an. Eine knappe Stunde später schoben sich die Kidnapper den Spitzkegeligen Kahlkopf als Salat rein. Sie waren begeistert. Sie kicherten, sahen Farben, hörten die tollsten Sachen und wurden, high wie sie waren, zur leichten Beute für die Arme des Gesetzes. Lammfromm. Frauke hatte unterm Tisch den Notruf gewählt. Einige Tanzeinlagen der Kidnapper später betrat ein gut aussehender Mann den Gastraum. An seiner Seite zwei hässliche Polizisten mit Pistolen. „Moin, Hauptkommissar Fröbe. Fröbe wie Gerd,“ stellte sich Fröbe vor. Er drückte Froschkönig an die Wand, legte ihm Handschellen an, wiederholte das Procedere bei Gandhi und sagte:  Je dummer de Kerl, je grötter dat Amt. Abführen.“

Die hässlichen Polizisten, Froschkönig und Gandhi gingen Richtung Streifenwagen.

Frauke spürte eine herannahende Unterzuckerung. Zwanzig Minuten später saß sie mit dem gut aussehenden Fröbe im Café Schweizer Haus in Tating. Die Torte war ein Gedicht und Fröbe eine ziemliche Schnitte. „Für einen Montag, gar nicht mal so übel“, sagte Frauke und schrieb Fröbe ihre Handynummer in die Hand.

Erstveröffentlichung in “Mohltied”

Arnd Rüskamp ist am südlichen Rand des Ruhrgebietes am Baldeneysee geboren. Er hat Publizistik studiert, war Reporter und Moderator, Soldat und Biker, Autor und Verleger. Heute verdient er sein Geld noch immer in den Medien, hat aber erkannt, dass sein berufliches Glück zwischen zwei Buchdeckeln liegt. Er lebt im Ruhrgebiet und in seiner Wahlheimat zwischen Schlei und Ostsee.

Arnd Rüskamp

1 Kommentar

  • Kurt Geisler
    6. August 2021

    Klasse Geschichte und sehr gut vorgetragen im Kinocenter Rendsburg am 1. August 2021. Deine Kimmini-Reihe ist richtig gut und die Frische Frauke ist ja immer zur richtigen Zeit am Ort.

Kommentar schreiben